Von Gaunern und Betrügern

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Erfahrungen bei gebrauchtem High-End-Audio

 

Damals, als man nur über Kleinanzeigen in Audio-Printmagazinen Gebrauchtes angeboten und nachgefragt bekam, war die Sache noch etwas umständlicher, daher meist auch sicherer. Der telefonische und postalische Weg war langsamer und man war überwiegend auf den heimischen (nationalen) Markt begrenzt. Heute, im Zeitalter der Internetmarktplätze, geht es schneller und oft anonymer zu. Natürlich, Vorteile gibt es zuhauf: es geht schnell, man kann umstandslos nachfragen, mit Handy- und SLR-Kameras viele Fotos mit vielen Details erhalten oder liefern. Preisvergleichsmaschinen helfen (manchmal, nicht immer). Der geographische Horizont hat sich auch geweitet: der deutsche Marktführer im Bereich Second-Hand-Audio hat viele Besucher, nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus dem näheren und manchmal auch ferneren Ausland. Das Gleiche gilt für die Kleinanzeigenabteilung des bekannten Internetauktionshauses.

Allerdings sind nicht alle Teilnehmer immer vollständig koscher. Hier einige Kostproben, eigene Erfahrungen als Anbieter von gebrauchten High-End-Geräten und Berichte von Kunden.

  1. Besonders kostspielige Gerätschaft wird zu einem unglaublich günstigen Preis angeboten. Z. B. findet einer meiner Kunden bei der genannten Kleinanzeigenabteilung einen Trinnov Amethyst, der nach Liste knapp 10.000 € kostet, für höchst preiswerte 3.200 € angeboten, fast neu, von einem Anbieter aus Lörrach, Deutschland, wohlgemerkt. Auf Nachfrage werden schöne Bilder geliefert und als man sich (fast) einig ist (Abholung und Barzahlung), kommt die Nachricht, daß der Anbieter ganz kurzfristig nach England verzogen sei, das Gerät sich mittlerweile dort befinde und von dort versandt werden soll. Der Kaufbetrag solle nun auf ein englisches Bankkonto geleistet werden. Just dieselbe Geschichte erzählt mir einige Zeit später ein anderer Kunde, noch rechtzeitig.
  2. Kurz nach Plazierung einer Verkaufsanzeige im o.g. Marktführer für Gebrauchtgeräteanzeigen (Endstufe der High-End-Marke A.) meldet sich ein englischsprachiger Herr per eMail (Gmail-Account mit dem alleinigen Namen „John“) und bekundet lebhaftes Interesse. Ob man auch nach England versende? Klar, ginge. Wer er denn bitte sei. Er sei John Ss. aus Birmingham. Wie denn die Abwicklung geplant sei? Nun, Rechnung, Vorkasse, Bezahlung, dann Versand. Ok, aber er möchte vorher noch einige Fotos des Gerätes haben, von vorne, hinten, seitlich, unten, von OVP, Manual und Zubehör usw. Umständlich, aufwendig, aber gut, kriegt er. Dann die merkwürdige Wendung: er möchte, um ganz sicher zu gehen, daß man tatsächlich professioneller Händler sei, ein Foto von Personalausweis bzw. Reisepaß und er schicke gerne auch ein Foto von seinem Reisepaß, es seien ja so viele Gauner unterwegs. Kriegt er natürlich nicht. Nächste eMail nun kommt von derselben Gmail-Adresse, doch diesmal mit Namen „Peter“, er zahle nur nach Eingang solcher Fotos. Auf die Nachfrage, ob er denn zwischenzeitlich den Namen gewechselt habe, gibt es die Antwort, das sei sein Nachname, er heiße „John Peter“. Und nach dem (süffisanten) Hinweis, daß er sich drei Wochen vorher mit anderem Namen vorgestellt habe und man sich bei solchen Fischzügen doch um einheitliches Auftreten bemühen bzw. sinnvollerweise untereinander abstimmen solle, kommt nichts mehr.
  3. Einige Monate später dasselbe in Grün, diesmal ein Vollverstärker der Marke B. Eine Gmail-Adresse mit einer kryptischen Buchstaben-/Zahlen-Kombination, ansonsten anonym, möchte mehr über das Gerät wissen. Meine Antwort: ich möchte mehr über ihn/sie wissen. „Danke für die Nachricht, ich brauche Fotos von oben, unten, hinten …“ usw. Eine Weiterführung der Konversation habe ich mir geschenkt.
  4. Etwas später Ähnliches, wieder Gmail-Adresse, diesmal mit Name und Adresse aus Nordschweden. Bitte um Fotos des Gerätes von allen Seiten usw., Video von mir mit dem Gerät, Video von mir mit meinem Reisepaß, Foto des Reisepasses. Amüsant. Eine Internetrecherche zeigt, es gibt tatsächlich jemanden mit Namen und Adresse wie angegeben. Der gute Mann ist anscheinend Amateurfunker und in einem entsprechenden Verein, arbeitet bei einer Softwarefirma. Also aus dem Internet zwei eMail-Adressen recherchiert, einmal von dem Amateurfunkverein, einmal vom Arbeitgeber und eMails geschickt mit der Bitte um Weiterleitung an besagten Herrn, des Inhalts, er möge mir doch bitte kurz die Echtheit seiner Gebrauchtgeräteanfrage bestätigen, alternativ den Hinweis akzeptieren, daß man mit seinen Daten Schindluder treibe. Leider keine Antwort.
  5. Nächster Fall: eine Vorstufe der Marke P. Um nicht ermüdend zu sein: diesmal ist es ein Herr Carl J. aus Santa Cruz de Tenerife. Die angegebene Adresse, Calle Irgendwas Nr. 6b, sieht auf Google Street View merkwürdig aus: eine Brachlandschaft, daneben ein abrißreifes Haus. Ein paar Fotos (mit Wasserzeichen/Logo) verschickt, dann Ruhe.
  6. Vor kurzem nun ein Anruf eines Herrn, er sei in Verhandlung mit einem Anbieter aus Spanien für eine Endstufe der Marke A., habe von diesem Fotos erhalten und dann von einem Bekannten gehört, daß diese ihm (dem Bekannten) bekannt vorkämen. In der Tat, u.a. war es ein Foto aus meiner Anzeige, ein Foto der Rückseite mit Seriennummer, leicht unscharf, und die EXIF-Daten waren identisch. Andere Fotos habe er auch von dem Anbieter bekommen, berichtete der Anrufer, und siehe da: es waren die Fotos, die ich Monate zuvor an John/Peter aus Birmingham verschickt hatte (wieder identische EXIF-Daten, die Jungs machen sich die Sache wirklich leicht). Der Anbieter habe eine Kontonummer und eine Adresse in (wieder mal) Santa Cruz de Tenerife genannt, eine Calle Sowieso Nr. 11. Google Street View zeigt nur die Nachbarhausnummer 13, ansonsten wilde wüstenartige Landschaft, außerhalb von Santa Cruz. Nicht unbedingt eine Behausung, in der man eine hochpreisige High-End-Kette dieses Kalibers vermuten würde. Außerdem sei tatsächlich ein Foto von einem Reisepaß mitgeschickt worden… Da sich besagtes Gerät aber mittlerweile bei einem Käufer in Osteuropa befindet und ich mit diesem korrespondiere, ist klar, das ist alles nur Fake und das Reisepaßfoto zeigt einen Bedauernswerten, der den Gaunern früher mal auf den Leim gegangen ist. Das Konto mit der angegebenen Kontonummer bei der Madrider Liberbank, die übrigens gar keine Filialen auf Teneriffa hat, dürfte auf einen anderen Namen lauten und bald abgeräumt und dichtgemacht werden. Seit den neuen IBAN-Zeiten achten die Banken auch nicht mehr darauf, daß der Empfängername mit dem Kontoinhaber übereinstimmt, es reicht, daß die IBAN existiert – alles andere ist Sache des Überweisenden. Und sehr schwer, wenn nicht unmöglich, Fehlleitungen mit korrekter IBAN zurückzuholen. Und die Polizei damit zu beschäftigen…? Naja, dazu habe ich auch eine Meinung.

Eine kurze Umfrage bei Kollegen: die haben Ähnliches zu erzählen. Jedenfalls versehe ich seit einiger Zeit meine Fotos vorsichtshalber mit aufdringlichem und unentfernbarem Wasserzeichen/Logo. Private Daten wie Reisepaß etc. gibt’s selbstverständlich in keinem Fall.

Und die Moral von der Geschicht‘? Nicht jedes billige Schnäppchen ist halt tatsächlich ein solches.

Nun bin ich gespannt, ob es weitere Geschichten gibt, die Kommentarfunktion steht zur Verfügung.

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